Risikoanalyse am Beispiel „Historischer Markt“ in Bad Essen, Niedersachsen
Der Historische Markt in Bad Essen ist ein traditionelles Volksfest, das alljährlich Ende August stattfindet und Besucher in die Zeit um 1850 bis etwa 1920 zurückversetzt, mit historischem Marktgeschehen, Kostümen und Darstellungen alter Lebensweisen. Auf dem historischen Kirchplatz sowie anliegenden Straßen zeigen fast 140 Aussteller alte Handwerkskünste, verkaufen traditionelle Waren und bieten Musik, Tanz sowie Darbietungen vergangener Epochen. Die Veranstaltung hat sich seit der ersten Durchführung 1975 zu einem der bedeutendsten lokalen Feste im Landkreis Osnabrück (Niedersachsen) entwickelt und kann mit ca. 50.000 Besucher*innen über drei Tage als klassisches Beispiel für ein kommunales Volksfest dienen.
Quelle: TourismusMarketing Niedersachsen GmbH, verfügbar unter: https://www.reiseland-niedersachsen.de/event/historischer-markt
Eine systematische Vorgehensweise bei einer Risikoanalyse für eine Open-Air-Veranstaltung im Kontext von Sturm- oder Starkwindgefährdungen könnte wie folgt aussehen:
Schritt 1: Identifikation möglicher Risiken & Gefährdungsbeschreibung
Identifizieren Sie die spezifischen Gefährdungen, die durch Sturm oder Starkwind entstehen könnten, wie z. B. Windböen über 60 km/h. Listen Sie diese spezifischen Risiken auf und beschreiben Sie die jeweiligen Gefährdungsfaktoren.
Hinweis: Berücksichtigen Sie auch alle betroffenen Personen und Infrastrukturkomponenten, einschließlich:
- Besucher*innen
- Personal
- Künstler*innen
- Technik
→ Wer ist betroffen?
Beispiel 1: Herabfallende Äste oder lose Fassadenteile
Durch herabfallende Gegenstände können Personen vor Ort (Besucher*innen, Mitarbeiter*innen etc.) getroffen und verletzt werden. Beispielhaft genannt werden kann hier der Marktplatz beim Historischen Markt in Bad Essen, der eine Vielzahl an alten, hohen Bäumen vorweist.
Beispiel 2: Versagen der temporären Infrastruktur (z. B. Pavillons unter Windlast)
Aufgestellte Pavillons können bereits bei schwachen Windböen abheben und so nicht nur die darunter platzierten Waren, Materialien oder technische Ausstattung beschädigen, sondern auch eine erhebliche Gefährdung für Personen im direkten Umkreis darstellen.
Insbesondere lose angebrachte Strukturen im historischen Stil stellen ein erhöhtes Risiko dar.
Schritt 2: Erstellung der Risikomatrix & Bewertung der Risiken
Bewerten Sie die Risiken mithilfe einer Risikomatrix (Beispiel s.u.), die sowohl die Eintrittswahrscheinlichkeit als auch das mögliche Schadensausmaß der identifizierten Gefährdungen berücksichtigt.
Füllen Sie die Risikomatrix aus, indem Sie die Wahrscheinlichkeit und das Schadensausmaß für jedes identifizierte Risiko bewerten. Ermitteln Sie auf Basis der Risikobewertung den Risikograd (zum Beispiel niedrig, mittel, hoch), um prioritäre Handlungsfelder zu identifizieren.
Grafik: Risikomatrix zur Ableitung von Maßnahmen und Handlungsempfehlungen
Quelle: Landeshauptstadt Hannover, Geschäftsbereich des Oberbürgermeisters, Fachbereich Feuerwehr & Polizeidirektion Hannover, 2018
Beispielhafte Risikobewertung
Beispiel 1: Herabfallende Äste oder lose Fassadenteile
- Herabfallende Äste oder lose Fassadenteile können für Personen auf dem Marktplatz bereits bei leichten Windböen eine erhebliche Gefahr darstellen.
- Die Eintrittswahrscheinlichkeit ist daher als hoch einzustufen.
- Wird eine Person von einem Ast oder Bauteil getroffen, ist auch das mögliche Schadensausmaß als hoch zu bewerten.
- In der Gesamtbewertung ergibt sich somit ein hoher Handlungsbedarf.
Beispiel 2: Versagen der temporären Infrastruktur (z. B. Pavillons unter Windlast)
- Die Eintrittswahrscheinlichkeit des Versagens loser, temporärer Infrastrukturen wie Pavillons ist als eher hoch einzuschätzen.
- Auch das mögliche Schadensausmaß wird als hoch bewertet.
- Daraus resultiert ebenfalls ein hoher Handlungsbedarf.
Schritt 3: Folgemaßnahmen nach der Risikobewertung
Erstellen Sie auf Grundlage der Ergebnisse der Risikomatrix eine Maßnahmenliste. Diese sollte konkrete Handlungsstrategien zur Risikominderung enthalten, wie z. B.:
- Sichern loser Gegenstände
- Verstärken oder Nachrüsten temporärer Bauten
- Festlegung klarer Verantwortlichkeiten für die Umsetzung der Maßnahmen
- Überprüfung der Umsetzung vor Veranstaltungsbeginn
- Laufende Kontrollen während der Veranstaltung, insbesondere bei bestehenden Sturmwarnungen
- Überprüfung ggf. mitgebrachter Strukturen von Aussteller*innen
- Erstellung eines klaren Kommunikationsplans, um auf Wetteränderungen kurzfristig reagieren zu können
Beispiel 1: Herabfallende Äste oder lose Fassadenteile
- Die Bäume und anliegenden Gebäude sollten vor der Veranstaltung durch eine*n Expert*in überprüft werden, um abgestorbene oder gefährdete Äste und Bauteile zu entfernen.
Beispiel 2: Versagen der temporären Infrastruktur wie Pavillons unter Windlast
- Pavillons und ähnliche temporäre Bauten sollten nach dem Aufbau z.B. durch Sandsäcke beschwert werden bzw. je nach Bodenbeschaffenheit im Boden verankert werden.
Durch diese strukturierte Vorgehensweise können Risiken systematisch identifiziert, bewertet und effizient gemanagt werden, um die Sicherheit aller Beteiligten bei der Veranstaltung zu gewährleisten.
Hilfreiche Websites
Weitere Informationen zur Erstellung von Sicherheitskonzepten und Risikoanalysen finden Sie in den folgenden Beispielen:
Weiterführende Literatur:
- Brunsch, D. (2021). Publikumszentrierte Sicherheits- & Krisenkommunikation auf Veranstaltungen. In: Ronft, S. (eds) Eventpsychologie. Springer Gabler, Wiesbaden.
https://doi.org/10.1007/978-3-658-28888-4_25 - Ebner, M., Klode, K., Sakschewski, T., & Paul, S. (2020). Sicherheitskonzepte für Veranstaltungen. Grundlagen für Behörden, Betreiber und Veranstalter (3. Ausg.). Beuth Verlag, Berlin.
- Gundel, S. et al. (2017). Sicherheit für Versammlungsstätten und Veranstaltungen. Boorberg, Stuttgart/München.
https://doi.org/10.5771/9783415059658 - Sakschewski, T., Klode, K., & Paul, S. (2020). Sicherheitskonzepte für Veranstaltungen – Best Practices. Beuth Verlag, Berlin.
- Moroff, M. u. Luppold, S. (2017). Planung und Umsetzung sicherer Events Handeln und Lernen aus Erfahrungen bei Veranstaltungen. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19716-2